Life Long Learning

Wie wichtig ist lebenslanges Lernen wirklich? Wollen sich die Menschen ein ganzes Lebens lang bilden oder reicht Ihnen in der Regel die erste Berufsausbildung? Lernen wir nicht ohnehin jeden Tag etwas Neues indem wir den Alltag bestreiten? Bedeutet nicht jede neue Anschaffung einen Lernprozess? Ein neues Handy, ein neuer  Computer oder ein neues Auto, eigentlich lernen wir doch jeden Tag etwas dazu.

Wie das Herr Dipl. Ing. Wolfgang Mikovits sieht, engagierter Pensionist, erzählt er im Interview mit der BiB.

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von Anika Reismüller-Kaupe | 12. November 2021

Studieren mit 70 Jahren, geht das?
Herr Dipl. Ing. Wolfgang Mikovits erzählt uns Näheres.

Lieber Herr Dipl. Ing. Mikovits, auf der Inform in Oberwart sind wir ins Gespräch über lebenslanges Lernen gekommen. Während viele ältere Personen meinen, Sie hätten bereits genug in ihrem Leben gelernt, haben Sie eine ganz andere Sichtweise dazu. Warum ist lebenslanges Lernen, lebenslange Bildung wichtig für Sie?

Einerseits sind wir einer rasanten technischen Entwicklung ausgesetzt, die uns dazu zwingt und motiviert, immer weiter zu lernen. Wer hätte vor 20 Jahren gedacht, welche technischen Geräte wir heute täglich benutzen? Und diese Entwicklung verläuft immer schneller. Andererseits baut im Alter nicht nur der Körper, sondern auch das Gehirn ab, beides sollte daher weiterhin trainiert werden. Ich bin überzeugt, dass die Kombination von körperlicher und geistiger Fitness uns gerade im Alter hilft, diesen Lebensabschnitt besser zu bewältigen.

Sie stehen im Herbst Ihres Lebens, haben in Ihrer Vergangenheit viel gelernt, verfügen bereits über umfassende Lebenserfahrung und ein profundes Wissen und dennoch haben sie sich vor einiger Zeit entschlossen, noch einmal einen völlig neuen Ausbildungsweg einzuschlagen. Ein Studium mit ganz neuem Inhalt zu Ihren bisherigen Ausbildungen! Was hat sie dazu bewegt?

Ich habe in meinem Leben wirklich sehr viel gelernt, vor meinem Beruf und auch während meiner Berufszeit. Auch das für den Beruf notwendige Wissen und Können hat sich in den über 40 Jahren meiner Berufszeit ständig verändert und machte Lernen notwendig. Geschichte hat mich neben Physik und Astronomie schon in der Mittelschule sehr interessiert und dazu geführt, dass wir uns heute in Gruppen engagieren, die die Zeit des Mittelalters darstellen. Um mehr über diese und die vorangehenden Zeiten zu wissen, habe ich mich nochmals für ein Studium entschieden, diesmal das Studium der Ur- und Frühgeschichte bzw. der Archäologie. Dabei hilft mir mein erstes Studium „Technische Physik“ sehr, da auch in der Archäologie viele technische Methoden angewendet werden, zum Beispiel, um das Alter von Gegenständen und Skeletten zu bestimmen. Ich denke, es ist auch im Alter wichtig, sich für etwas zu interessieren, für etwas zu begeistern und zu engagieren, das hält uns fit. Vielleicht ist es mit ein Grund, warum mir viele Menschen meine 70 Jahre nicht glauben können, da sie meinen, dass ich wesentlich jünger aussehe und wirke.

Oft geht im Laufe eines Schülerlebens der Spaß oder das gute Gefühl am Lernen verloren, wie haben Sie sich das bewahren oder wieder erarbeiten können? Oder kam die Lust im Erwachsenenalter wieder?

Es ist sicher ein Unterschied mit der Lust am Lernen im Schüleralter zu der im Erwachsenenalter. Als Schüler sieht man das Lernen oft als Verpflichtung, die weniger Spaß macht, während man als Erwachsener aus Interesse an einer Sache lernt, ob für die Arbeit oder für ein Hobby. Bei mir hat ja das Lernen nie aufgehört: zuerst die Mittelschule, wo ich sicher auch Manches als nicht so interessante Verpflichtung ansah. Aber auch da konnten uns Lehrer motivieren, wie der Mathematik-Lehrer mit dem Hinweis, dass die Mathematik, die wir gerade durchackerten (Differential- und Integralrechnung), die Basis für die Berechnung der Raketenbahnen für die Raumfahrt darstellte. Danach lernte ich auch beim Bundesheer, da ich eine Ausbildung zum Reserve-Offizier begann, und dann die Uni. Das Lernen ging dann nahtlos im Berufsleben weiter, da sich ständig neue Aufgaben stellten, die neues Wissen erforderten. Da ich auch noch im (Un-)-Ruhestand für meine vorherige Arbeitsstelle Seminare halte, hört das Lernen auch nicht auf. Und nun noch mein neues Studium der Archäologie, einfach aus Interesse am Thema.

"Ich bin überzeugt, dass die Kombination von körperlicher und geistiger Fitness
uns gerade im Alter hilft."

Was hat Ihr Umfeld anfangs von Ihrer neuen Ausbildungsidee/Studium gehalten? Ihre Familie, Freunde, Bekannte und wie betrachten sie das jetzt?

Ich hatte immer Verständnis und Unterstützung seitens meiner Frau, ohne die mein Studium jetzt wohl nicht so einfach möglich wäre. Freunde und Bekannte haben sich stets anerkennend und bewundernd ausgedrückt, dass ich mich in meinem Alter nochmals der Herausforderung eines Studiums stelle, wo ich doch auch so genug zu tun hätte und es mir doch viel einfacher machen könnte und einfach das Leben genießen könnte.

Laut einer Studie der Neurologie an der Innsbrucker Universitätsklinik wurde sogar ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Bildung und höherer geistiger Fitness im Alter, festgestellt, sogar bei Patienten mit beginnender, neurodegenerativer Erkrankung wie Demenz. Das heißt sie betreiben ganz nebenbei gleich Gesundheitsvorsorge. Fällt Ihnen auf, dass Sie sich Dinge leicht merken?

Ich bin überzeugt, dass die Innsbrucker Studie recht hat. Es ist natürlich schon so, dass ich auch Dinge vergesse, aber, Dinge, die für mich interessant und/oder wichtig sind, merke ich mir tatsächlich leichter, insbesondere, wenn ich Themen nach dem ersten Lesen oder Hören bald wieder weitererzähle.

Welche neuen Projekte planen Sie in nächster Zeit?

Derzeit bin ich mit meinem Studium sehr ausgelastet und wir bauen auch unser altes Haus im Südburgenland um.  Dann gibt es auch noch so manches Gesundheitliches, um das ich mich kümmern darf. Dadurch plane ich noch nicht langfristiger, voraussichtlich die Fortsetzung des Studiums zum Master und je nach Gesundheitszustand und Angeboten der Uni die Teilnahme an archäologischen Projekten, wie Grabungen.

"Nicht immer fühlt man sich gegenüber diesen Heraus-forderungen gelassen........"

Wie fühlen sie sich gegenüber der technikaffinen Zeit und der dazugehörigen laufenden Neuerungen und Veränderungen die das Leben mit sich bringt? Stärkt lebenslanges Lernen die Selbstsicherheit, das Selbstbewusstsein?

Es ist für meine Generation sicher schwieriger als für die heutige Jugend, sich an die immer schneller laufenden Neuerungen und Veränderungen im Leben anzupassen, vor allem mit der Digitaltechnik, in der wir ja nicht so aufgewachsen sind. Aber ich musste sie im Beruf doch verwenden und dabei auch immer Neuerungen erlernen, das ist jetzt auch im neuen Studium so, das so viel anders ist als mein Erstes. Nicht immer fühlt man sich gegenüber diesen Herausforderungen gelassen, aber nicht ohnmächtig. Denn man lernt auch diese Neuerungen, oft mit Unterstützung durch Kollegen und vielfach durch meine Kinder. Und ja, so fühlt man sich selbstsicherer, selbstbewusster, und das ist durchaus eine Folge des lebenslangen Lernens – andernfalls würde man dem rasanten technischen und gesellschaftlichem Fortschritt wohl sehr ohnmächtig gegenüberstehen.

 

Herzlichen Dank für das Interview und das Teilen Ihres erstaunlichen, außergewöhnlichen Bildungsweges. Wir freuen uns über Ihre motivierenden Worte, welche einem selbst zum Nachdenken veranlassen. Sie sind ein tolles Beispiel, dass es im Leben nie für Bildung und Veränderung zu spät ist und im schönsten Fall Entfaltung, Lebensfreude und Erfolg bringen kann. Altersunabhängig oder gerade, weil der häufig eigens auferlegte Erfolgs-, bzw. Erwartungsdruck hinter einem liegt. Wir wünschen Ihnen abschließend alles Gute, Gesundheit und gutes Gelingen Ihrer geplanten Projekte.

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Steckbrief:

Name: Dipl. Ing. Wolfgang Mikovits

Geburtsdatum: August 1951

Aktuelle berufliche Position/Institution:

  • im Ruhestand, aber weiterhin

  • Auditor für Qualitätsmanagement-Systemen von Stellen die Messaufgaben im Rahmen des Maß- und Eichgesetzes durchführen

  • Trainer für Qualitätsmanagement-Systeme (vor allem ISO/IEC 17025) und für Messunsicherheiten

Aktuelle Ausbildung: Dipl. Ing. Technische Physik

Zukünftig geplante Weiterbildungen:  Master Studium Ur- und Frühgeschichte (Archäologie) an der Uni Wien, Teilnahme an archäologischen Projekten

 

"Lebenslanges Lernen" verbinde ich in erster Linie mit

..........................Selbstbewußtsein und geistiger Fitness."